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  • Entgelttransparenzgesetz 2026: mehr Rechte, bessere Karten für Frauen – wie du jetzt (ver)handeln kannst

    25.03.26

    20 min
    Im Schnitt 4,24 Euro weniger pro Stunde für die gleiche Arbeit: Das ist die (unbereinigte) Gender-Pay-Gap in Deutschland, heute, im Jahr 2026. Das neue Entgelttransparenzgesetz gibt Frauen erstmals echte Werkzeuge dagegen. Wie du sie nutzt, zeigt dieser Artikel.
    Eine Frau in einem blauen Hemd, die Unterlagen hält, lächelt und gestikuliert, während sie sich in einem modernen Büro mit zwei Personen unterhält.

    Ein Entgelttransparenzgesetz (EntTG) gibt es in Deutschland zwar schon seit 2017, doch das galt lange als eher zahnloser Papiertiger. Das ändert sich: Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie zwingt Deutschland, sein Gesetz massiv zu verschärfen. Das neue Entgelttransparenzgesetz 2026 bringt, was bisher gefehlt hat: Gehaltsspannen müssen offengelegt werden, die Beweislast kehrt sich um, Gehaltsfragen im Bewerbungsgespräch werden verboten. Information, Vergleichbarkeit, rechtliche Schlagkraft gibt das neue EntTG den Frauen. Wie viel sich wirklich ändert, hängt davon ab, ob sie diese Rechte auch aktiv nutzen. 

    Was ändert das Entgelttransparenzgesetz 2026 konkret? 

    Das Gehaltstransparenzgesetz, wie das EntTG auch genannt wird, hat ein klares Ziel: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ soll endlich Realität werden, nicht nur auf dem Papier. Das alte deutsche Gesetz von 2017 hatte dafür einfach zu viele Schlupflöcher. Der Auskunftsanspruch galt nur in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten. Und wer eine Ungleichbehandlung vermutete, musste sie selbst beweisen – fast unmöglich, wenn über Gehälter traditionell geschwiegen wird. 

    Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie von 2023 schließt diese Lücken und zwingt Deutschland, sein Gesetz drastisch zu verschärfen – bis 7. Juni 2026 muss die neue EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden. Was daraus wird? Weiß heute noch niemand. Was das konkret bedeutet: Gehaltsspannen müssen bereits in Stellenanzeigen stehen, Fragen nach deinem bisherigen Gehalt sind im Bewerbungsgespräch verboten, und die Beweislast kehrt sich um; nicht du musst Diskriminierung nachweisen, sondern dein Arbeitgeber oder deine Arbeitgeberin muss belegen, dass der Gehaltsunterschied berechtigt ist. 

    Eine Gruppe von vier Frauen arbeitet zusammen, zeichnet mit Filzstiften Diagramme auf transparentes Glas, lächelt und unterhält sich angeregt.

    Das Entgelttransparenzgesetz ist dabei nicht zu verwechseln mit dem Bundesgleichstellungsgesetz, das speziell für den öffentlichen Dienst gilt. Das EntTG richtet sich an alle Beschäftigten – in der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Sektor.

    Werden die Änderungen des EntTG die Gender-Pay-Gap auf einen Schlag schließen? Nein. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, übernehmen mehr unbezahlte Care-Arbeit und sind in schlechter bezahlten Branchen überrepräsentiert. Daran ändert kein Gesetz direkt etwas. Was es aber ändert: Du weißt, was du wert bist – und kannst das einfordern. 

    Was du konkret davon hast: die Vorteile des EntTG

    Das neue Gesetz bringt drei handfeste Vorteile: 

    Du bewirbst dich nicht mehr unter Wert. Weil Gehaltsspannen künftig in Stellenanzeigen stehen müssen, weißt du schon vor dem ersten Gespräch, was für den Job gezahlt wird. Und weil die Frage nach deinem bisherigen Gehalt verboten wird, nimmst du eine eventuelle Unterbezahlung aus der Vergangenheit nicht als Ballast mit. Adieu, Ankereffekt! Du kannst dich ganz gezielt und ohne „Altlasten“ auf Stellen bewerben, die deiner Qualifikation (und deiner finanziellen Vorstellung) entsprechen. 

    Du verhandelst auf Augenhöhe. Wer weiß, was Kolleginnen und Kollegen in vergleichbarer Position verdienen, hat ein schlagkräftiges Argument am Tisch – statt zu raten, zu würfeln oder zu hoffen. Und: Du hast nicht mehr das Risiko, dich mit weniger abgeben zu müssen als andere im Team. 

    Du kannst Nachzahlung fordern. Verdienst du nachweislich weniger als ein Kollege in gleicher Position, dreht sich die Beweislast um: Dein Arbeitgeber oder deine Arbeitgeberin muss belegen, dass der Unterschied sachliche, geschlechtsneutrale Gründe hat. Kann er oder sie das nicht, hast du das Recht auf Equal Pay – und Anspruch auf Nachzahlung, rückwirkend für bis zu drei Jahre. 

    Fünf Fragen, die du im Bewerbungsprozess ab jetzt stellen solltest 

    Das neue Gesetz gibt dir im Bewerbungsgespräch mehr Rechte – und mehr Munition. Nutze sie. Diese fünf Fragen solltest du künftig in jedem Vorstellungsgespräch stellen: 

    Wie ist die Gehaltsspanne für diese Position?

    Ab 2026 müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber diese Information ohnehin nennen – entweder in der Stellenanzeige oder spätestens im Gespräch. Frag trotzdem aktiv nach, um zu signalisieren, dass du informiert bist (und sein willst!).

    Nach welchen Kriterien wird das Gehalt festgelegt?

    Transparente Kriterien sind ein gutes Zeichen. Vage Antworten wie „das kommt auf die Position an“ sind ein Warnsignal und künftig rechtlich problematisch.

    Wie werden Boni und variable Vergütungsanteile berechnet?

    Gerade in Branchen mit hoher Gender-Pay-Gap wie IT und Finanzen steckt die Ungleichheit oft im Bonus, nicht im Grundgehalt. Lass dir die Kriterien konkret erklären.

    Wie werden Gehaltsanpassungen entschieden und wie oft?

    Eine faire Gehaltsstruktur zeigt sich nicht nur beim Einstieg, sondern auch darin, wie Erhöhungen vergeben werden. Prozentual, leistungsbasiert, nach festen Intervallen?

    Was versteht ihr unter gleichwertiger Arbeit in diesem Unternehmen?

    Diese Frage zeigt, ob das Unternehmen sich mit dem Thema wirklich auseinandergesetzt hat, oder ob das EntTG nur auf dem Papier existiert.

    Warum ein faires Startgehalt die wichtigste Weichenstellung ist

    Die Gender-Pay-Gap ist kein abstraktes Statistikproblem. Sie schlägt sich in echter Kaufkraft, echtem Vermögen und echter Rente nieder. Und sie beginnt oft schon am ersten Arbeitstag – oder sogar im Bewerbungsgespräch. 

    Drei Frauen sitzen an einem Tisch und besprechen sich; jeder hat einen Laptop und Dokumente dabei. Eine der Frauen telefoniert. Alle drei wirken konzentriert und lächeln.

    Das geht raus an alle jungen Frauen, die ihr Startgehalt im ersten Job verhandeln: bloß nicht unter Wert verkaufen! Denn wer zu niedrig einsteigt, startet nicht nur mit weniger Geld in der Tasche. Gehaltserhöhungen werden meist in Prozent berechnet – auf einer niedrigeren Basis. Das bedeutet: Der Abstand wächst mit jedem Jahr. Über ein ganzes Erwerbsleben summiert sich ein Gehaltsrückstand von nur sieben Prozent auf Zehntausende Euro – plus deutlich weniger Rente. 

    Das neue Lohntransparenzgesetz kann genau hier ansetzen: Wer von Anfang an weiß, wie die Stelle bezahlt ist, und nicht mit einem Gehaltsanker aus dem letzten Job in die Verhandlung geht, hat die Chance, diesen Rückstand gar nicht erst entstehen zu lassen.

    Die unsichtbare Gefahr

    Der Compound-Effekt beim Gehalt

    Vielleicht denkst du im ersten Moment: „Okay, mein Kollege verdient 300 Euro mehr im Monat. Das ist ärgerlich, aber so viel macht das doch aufs ganze Berufsleben gerechnet nicht aus.“ Ist das wirklich so? Oder macht das vielleicht doch einen Unterschied? Die Antwort ist ein lautes, klares JA. Hier kommt der sogenannte Compound-Effekt (Zinseszinseffekt) ins Spiel, und der schlägt beim Gehalt gnadenlos zu. 

    Rechenbeispiel: der Zinseszinseffekt beim Gehalt

    Der Abstand wächst jedes Jahr. Über ein Erwerbsleben summiert sich das auf Zehntausende Euro Unterschied, weniger Rentenansprüche und weniger aufgebautes Vermögen.

    Startgehalt A: 3.000 € monatlich | Startgehalt B: 3.300 € monatlich | Jährliche Erhöhung: 3 %

    Monatsgehalt A Monatsgehalt BDifferenz
    Jahr 0
    3.000 €
    3.300 €
    300 €
    Jahr 1
    3.090 €
    3.399 €
    309 €
    Jahr 5
    3.478 €
    3.826 €
    348 €
    Jahr 10
    4.032 €
    4.435 €
    403 €
    Jahr 30
    7.282 €
    8.010 €
    728 €

    Kumulierte Summe der monatlichen Differenzen über 40 Berufsjahre: rund 23.300 Euro – noch ohne Rentenansprüche und Vermögensaufbau. 

    Die neue Transparenz verändert, was du dir leisten kannst

    Dein Einkommen ist nicht nur eine nackte Zahl auf dem Kontoauszug. Es ist der Dominostein, der alles andere in deinem finanziellen Leben anstößt. Ein faires Gehalt beeinflusst direkt: 

    • Deinen Kreditrahmen und die Baufinanzierung: Banken berechnen deine Kreditwürdigkeit anhand deines Einkommens. Verdienst du systematisch weniger, bekommst du schlechtere Konditionen, zahlst höhere Zinsen oder kassierst im schlimmsten Fall eine Absage für den Immobilienkredit. 

    • Deine Altersvorsorge: Sowohl deine Ansprüche an die gesetzliche Rente als auch dein Budget für die private Vorsorge hängen direkt an deinem Bruttogehalt. Wer heute weniger verdient, dem droht im Alter eine weitaus größere Rentenlücke. Auch die Anteile von Arbeitgeber oder Arbeitgeberin zur betrieblichen Altersvorsorge skalieren oft mit dem Gehalt. 

    • Versicherungen und Absicherung: Mit einem fairen Gehalt kannst du existenzielle Risiken wie eine Berufsunfähigkeit wesentlich besser absichern. 

    Das Entgelttransparenzgesetz schützt dich also nicht nur vor Ungerechtigkeit heute, es ist ein fundamentaler Baustein für deinen langfristigen Vermögensaufbau.

    Vom Papier in die Praxis

    So forderst du deine Rechte Schritt für Schritt ein

    Wissen ist Macht – aber nur, wenn du es auch anwendest. Das Entgelttransparenzgesetz liefert dir den rechtlichen Rahmen, aber den ersten Schritt musst du selbst machen. Wenn du den Verdacht hast, dass du schlechter bezahlt wirst, oder wenn du dich auf die nächste Gehaltsrunde vorbereitest, gehst du am besten in diesen sechs Schritten vor: 

    Step 1
    Informieren und vergleichen.

    Bevor du offiziell anklopfst, sammle Fakten. Schau dir genau an, was für deine Position branchenüblich ist. Spätestens ab Mitte 2026 helfen dir dabei die gesetzlich vorgeschriebenen Gehaltsspannen in Stellenanzeigen deines eigenen oder anderer Unternehmen. Je besser du deinen Marktwert kennst, desto sicherer trittst du auf.

    Step 2
    Das Auskunftsrecht nutzen.

    Mach von deinem gesetzlichen Auskunftsanspruch Gebrauch. Du hast das Recht, nach dem Median-Gehalt der männlichen Kollegen in vergleichbarer Position zu fragen. Wichtig: Du erfährst nicht das exakte Gehalt vom Kollegen am Nebentisch, sondern den statistischen Vergleichswert der Vergleichsgruppe.

    Step 3
    Den Betriebsrat einschalten.

    Gibt es in deinem Unternehmen einen Betriebsrat? Dann ist er deine beste erste Anlaufstelle. Der riesige Vorteil: Wenn du den Auskunftsanspruch über die Arbeitnehmendenvertretung stellst, bleibst du gegenüber der Geschäftsführung in der Regel anonym. Das senkt die Hemmschwelle enorm, und der Betriebsrat hat zudem Einblick in die Gehaltslisten.

    Step 4
    Das Gespräch suchen – gut vorbereitet.

    Zeigt die Auskunft, dass männliche Kollegen tatsächlich mehr verdienen, ist es Zeit für das Gespräch mit deiner Führungskraft oder der Personalabteilung. Gehe nicht wütend, sondern sachlich und lösungsorientiert in den Termin. Du bist nicht dort, um um einen Gefallen zu bitten, sondern um Fakten auf den Tisch zu bringen. Ab jetzt liegt die Beweislast beim Unternehmen: Es muss dir plausibel und geschlechtsneutral erklären, warum du weniger verdienst.

    Step 5
    Rechtliche Schritte, wenn alles andere scheitert.

    Sollte dein Arbeitgeber oder deine Arbeitgeberin blockieren, die Auskunft verweigern oder fadenscheinige Ausreden präsentieren, musst du entscheiden, wie weit du gehen willst. Mit dem neuen Gesetz im Rücken hast du rechtlich gute Karten. Eine Beratung bei einer Gewerkschaft oder einer Fachanwältin bzw. einem Fachanwalt für Arbeitsrecht hilft dir, deine Optionen auf Equal Pay und mögliche Nachzahlungen für die Vergangenheit auszuloten.

    Step 6
    Langfristig denken. Lass dich bei Gegenwind nicht entmutigen.

    Es geht nicht nur um ein bisschen mehr Netto am Monatsende – sondern um deine finanzielle Unabhängigkeit. Jede Verhandlung ist eine Weichenstellung. Der Compound-Effekt arbeitet in beide Richtungen.
    Extrawissen

    In welchen Branchen die Lücke am größten ist

    Wusstest du, dass die Höhe der Gender-Pay-Gap stark davon abhängt, in welchem Bereich du arbeitest? Wenn wir uns die Zahlen ansehen, lässt sich eine Faustregel ableiten: Überall dort, wo Gehälter transparent und tariflich geregelt sind, ist die Lücke vergleichsweise klein. Überall dort, wo Boni, individuelle Verhandlungen und Ermessensspielräume der obersten Etage eine große Rolle spielen, geht die Schere massiv auseinander. 

    Genau deshalb ist das neue Entgelttransparenzgesetz so wichtig: Es bringt endlich mehr Licht in die Branchen, in denen bisher am wenigsten Transparenz herrschte. 

    Ein Vergleich, wo du bei Gehaltsverhandlungen besonders wachsam sein solltest und wo es bereits gerechter zugeht: 

    Eine Frau hält eine Tasse Kaffee in der Hand, sitzt an einem Tisch mit Laptop, Handy und einer kleinen Pflanze und unterhält sich mit einer Person, die der Kamera den Rücken zugewandt hat.

    Branchen mit der höchsten Gender-Pay-Gap: Hier wird oft frei verhandelt, Boni spielen eine große Rolle. Die Intransparenz ist hoch, und das geht fast immer zulasten der Frauen. 

    Finanz- und Versicherungsbranche: ~ 26 %
    Verarbeitendes Gewerbe / Industrie: ~ 22 %
    Information und Kommunikation (IT): ~ 20–22 %
    Energieversorgung: ~ 20 %

    Branchen mit der niedrigsten Gender-Pay-Gap: Hier gibt es häufig feste Tarifstrukturen, transparente Gehaltstabellen und wenig Verhandlungsspielraum. 

    Gastgewerbe (Gastronomie und Hotellerie): ~ 7 %
    Erziehung und Unterricht: ~ 8–9%
    Gesundheits- und Sozialwesen: ~ 10 %

    Zusatztipp: Wenn du in einer der stark betroffenen Branchen wie IT oder Finanzen arbeitest, profitierst du vom neuen Gesetz ab 2026 am meisten. Nutze die neuen Gehaltsspannen in Stellenanzeigen, um deinen Marktwert zu checken, bevor du dich bewirbst. 

    FAQ: die häufigsten Fragen zum Entgelttransparenzgesetz 2026

    Fazit: Dein Wert ist kein Geheimnis mehr

    Das Entgelttransparenzgesetz 2026 ist kein Zauberstab oder Allheilmittel. Es schließt die Gender-Pay-Gap nicht über Nacht, und es löst keine strukturellen Probleme, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Aber es gibt Frauen etwas, das bisher fehlte: Information, Vergleichbarkeit und rechtliche Schlagkraft. 

    Wenn du weißt, was deine Arbeit wert ist, verhandelst du anders. Wenn du nicht mit einem Gehaltsanker aus dem letzten Job ins Bewerbungsgespräch gehen musst, startest du fairer. Und wenn du den Compound-Effekt verstehst, weißt du: Jeder Euro, den du dir heute holst, ist morgen noch mehr wert. Das Gesetz öffnet die Tür. Jetzt bist du dran! Geh mutig hindurch. Und wenn du eine Kollegin, Freundin, Schwester hast, die diesen Artikel unbedingt lesen sollte, teile diesen Beitrag unbedingt mit ihr. Equal Pay geht uns alle an.

    Quellen: WSI GenderDatenPortal; Statistisches Bundesamt (Destatis), eigene Berechnungen.